Hinschauen statt wegsehen
Das Gewaltpräventionsprojekt „Stadtteile ohne Partnergewalt“ hat sich in Wels etabliert. Nun droht das Aus.
Marina Wetzlmaier
Mahnwache in Wels: Jedes T-Shirt steht für einen Femizid.
Drei weiße T-Shirts sind auf dem Boden in der Welser Fußgängerzone aufgelegt. Jedes ist mit einer roten Hand und dem Wort „StoP“ bedruckt. Daneben jeweils ein Grablicht und eine rote Rose. Die drei T-Shirts stehen für drei Femizide, die es alleine im Jänner gab. Für drei Frauen, die von Männern getötet wurden. Die Täter: der Lebensgefährte, der Ex-Freund, der Vater. Das jüngste Opfer war 19 Jahre alt und lebte in Wels. Ihr Tod war der Anlass für eine Mahnwache, zu der Aktivist:innen des Projekts „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ am 13. Februar aufriefen. „Schweigen und Wegsehen sind keine Option“, sagt Simone Heinz-Jahraus, die seit 2021, der Gründung von StoP in Wels, dort aktiv ist. „Viel zu oft bleibt die Gewalt unsichtbar, die zu Hause in den eigenen vier Wänden passiert und Frauen und Mädchen betrifft. Täglich und überall.“
Gewalt in Beziehungen zu verhindern und betroffene Frauen zu schützen sind die zentralen Ziele des Präventionsprojekts StoP. Bisher gab es dafür eine Förderung des Sozialministeriums, die jeweils nach einem Jahr verlängert wurde. Die derzeitige Finanzierungsperiode läuft Ende Mai aus. Wie es danach weitergehen wird, ist noch unklar. „Wir sind im Krisenmodus”, sagen die Aktivist:innen und suchen nach Lösungen.
Niederschwellige Aufklärung
Die Zahl der Femizide ist in Österreich weiter angestiegen. Der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) listet für 2026 dreizehn Tötungen von Frauen auf (Stand: 21. Mai 2026). „Die Gewalttaten zeigen auf schmerzhafte Weise, wie dringend wir Präventionsarbeit brauchen“, sagt Heinz-Jahraus. Diese setzt in der Nachbarschaft an, die für das Thema sensibilisiert und über Handlungsmöglichkeiten informiert werden soll. Nach dem Motto: „Jede:r kann was sagen – was tun“, wenn es zum Beispiel in der Nachbarwohnung nach Gewalt klingt. Etwa beim Hauseingang bei der betreffenden Wohnung klingeln und so die Gewalt unterbrechen. Oder bei akuter Gefahr die Polizei rufen. Die betroffene Person ansprechen, wenn man sie alleine antrifft. Ihr die Frauenhelpline 0800 222 555 mitteilen. Mit anderen Hausbewohner:innen sprechen.
„Stiegenhausgespräche“ gehören zu den Kern-Aktivitäten von StoP. Die Mitarbeiter:innen gehen in Wohnanlagen, Parks, zu Vereinen oder Initiativen. Sie verteilen im öffentlichen Raum Kärtchen, Sticker oder Päckchen mit Blumensamen und Taschentüchern, auf denen die Notrufnummern stehen und rufen zu Zivilcourage auf. Sie organisieren Nachbarschaftstische für Interessierte, die sich informieren oder aktiv einbringen möchten. In Wels laden spezielle Männertische zur Reflexion über Männlichkeit und Rollenbilder ein - ein Angebot, das andere Standorte in Oberösterreich nicht haben.
Am 14. April fand eine StoP-Kundgebung in der Fußgängerzone in Wels statt.
Förderkürzungen
Das Konzept des Gewaltpräventionsprojekts entwickelte die deutsche Professorin für Soziale Arbeit, Sabine Stövesand, im Jahr 2007. Mittlerweile setzen es mehr als 60 Frauenberatungsstellen, Frauenhäuser und soziale Trägerorganisationen in Deutschland und Österreich um. In Wels läuft das Projekt über das Frauenhaus. In Oberösterreich gibt es StoP außerdem in Linz, Perg und Leonding. Für die bundesweite Koordination der Standorte und die Verteilung der Fördermittel ist der Verein AÖF zuständig.
Die Mitarbeiter:innen in Wels befürchten, dass ihnen durch Budgetkürzungen um 70 Prozent weniger Geld zur Verfügung stehen wird. Außerdem wird das Frauenhaus ab Juni die Rolle des Trägervereins nicht mehr übernehmen. Die verschärften Rahmenbedingungen verschlingen auch dort die knappen Ressourcen. Viele Fragen sind jetzt offen, schildert Tobias Nenning, der seit rund einem Jahr bei StoP arbeitet: „Wer wird das Projekt weiterführen? Finden wir einen neuen Verein oder müssen wir selbst einen gründen? Ist es realistisch, dass wir in so kurzer Zeit andere Förderungen aufstellen können?“
Bemalte und bedruckte Textilien sollen in Wels auf Catcalling, also auf verbale sexuelle Belästigung, aufmerksam machen.
Das Team ist seit der Gründung in Wels von zwei auf vier Teilzeitkräfte gewachsen. In der Stadt konnten sie sich durch unterschiedliche Aktivitäten und Kooperationen etablieren. Als jüngsten Erfolg nennen sie die Frauendemo am 9. März, die sie gemeinsam mit Welser Künstler:innen und Aktivist:innen organisierten. Oder die Diskussionsveranstaltung gegen Gewalt an älteren Frauen, die Ende April stattfand. „Der Zeitpunkt für die Kürzung könnte nicht schlechter sein“, sagt Yasmin Ramelmüller.
Schwerpunkt Jugendarbeit
Workshops in Schulen zum Beispiel wären nun in Gefahr. „Wir haben über die Formen von Gewalt gesprochen und was man dagegen tun kann“, erzählt ein 16-jähriger Schüler aus der HTL Wels. „Dazu haben wir Plakate gestaltet und präsentiert“, ergänzt ein Klassenkollege, dem das interaktive Arbeiten besonders gefiel. Verbale und körperliche Angriffe kommen bei Streitigkeiten auch in ihrem Alltag immer wieder vor. „Wir haben gelernt, dass man einschreiten kann, ohne selbst gewalttätig zu werden. Man kann sagen, dass etwas nicht okay ist oder der betroffenen Person auf eine andere Art helfen“, sagt ein Schüler aus der ersten Klasse mit Schwerpunkt Elektrotechnik.
„Du lernst, dass du nicht alleine bist.“
„Die Workshopleiter:innen haben gleich zu Beginn Broschüren aufgelegt und gesagt, wohin man als Betroffene gehen kann. So eine Aufklärung hast du sonst nirgendwo“, erzählt eine 15-jährige Schülerin aus der Chemieklasse. „Wenn deine Freundin Probleme hat, kannst du zum Beispiel bei Rat auf Draht anrufen. Wir konnten viele Infos direkt mitnehmen.“ Sie fühlt sich durch den Workshop ermutigt: „Du lernst, dass du nicht alleine bist.“
Das Thema sorgte aber auch für zwiespältige Gefühle: „Ich habe mich als Mann unter Druck gesetzt gefühlt, weil es hauptsächlich um die Gewalt ging, die Männer ausüben“, gibt ein anderer Mitschüler zu. Der Diskurs sei wichtig und der Bedarf an solchen Angeboten hoch, sagen die Lehrerinnen. Wenn es StoP in Wels nicht mehr gäbe, wäre das laut ihnen „ein großer Verlust“.
„Die gesamte Bundesregierung bekennt sich klar zur Bekämpfung von Gewalt an Frauen und Mädchen“, heißt es in einem Nationalen Aktionsplan, den der Ministerrat im November 2025 beschloss. Es seien ressortübergreifende Maßnahmen zur Prävention und für die Unterstützung Betroffener geplant. „Warum wird dann gerade bei einem etablierten Projekt gekürzt?“, fragt sich das StoP-Team aus Wels umso mehr.
Notrufnummern (anonym, kostenlos, rund um die Uhr):
Frauenhelpline: 0800 222 555
Notruf für Kinder und Jugendliche (Rat auf Draht): 147
Männerinfo: 0800 400 777
Helpchat: www.haltdergewalt.at
Quellen & nützliche Links
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